Stefan Michels

Publikation eines Editionsprojektes

Opus arduum valde – A Wycliffite Commentary on the Book of Revelation |  Brill

Die Edition des hochspannenden spätmittelalterlichen Traktates unter dem kryptischen Titel "Opus arduum valde" konnte nun im Brill-Verlag in Leiden erscheinen. Unter meiner Mitarbeit entstand zwischen 2017 und 2019 eine erste Textversion, welche die beiden Herausgeber, Wolf-Friedrich Schäufele und Christoph Galle, nach einem mehrschichtigen Überarbeitungsprozess eine finalisierte Fassung hervorbrachte, die nun der Öffentlichkeit in englischer Sprache zugänglich gemacht werden konnte. Die Publikation ist das Ergebnis eines durch die DFG geförderten Forschungsprojektes, das an der Philipps-Universität in Marburg angesiedelt war. Im Kontext des Projektes entstand auch meine Dissertationsschrift "Testes veritatis. Studien zur transformativen Entwicklung des Wahrheitszeugenkonzeptes in der Wittenberger Reformation", das noch in diesem Jahr bei Mohr Siebeck in Tübingen erscheinen soll.

Das "Opus arduum valde" indes hat eine reformatorische Rezeptionsgeschichte und zählt im "Catalogus testium veritatis" zu den Kronzeugen evangelischer Wahrheit vor dem Auftritt Luthers in der Kirchengeschichte, wie Matthias Flacius, der Verfasser des Wahrheitszeugenkataloges von 1556, betont. In der Tat konnte Luther selbst eine fragmentarische Fassung des "Opus arduum valde" sichten und 1528 zum Druck bringen (http://gateway-bayern.de/VD16+B+5252). Luther war gefesselt von der Idee des anonymen Autors des "Opus arduum valde", dass nämlich das institutionell verstandene Papsttum als Inbegriff der Herrschaft des Antichrist auf Erden zu gelten habe. Der Text selber stammt aus repressivem Umfeld. Die Lollarden erlitten im England des Spätmittelalters heftige Verfolgungen und wurden in ihrer Schrifthermeneutik, die sich den Einsichten John Wyclifs verdankt, nachhaltig unterdrückt. Luther fand nun in ihnen Mitstreiter in seiner Kampagne zur Entlarvung des römischen Papsttums als den endzeitlichen Antichrist, mit dem das Ende der Zeiten spürbar nahe gekommen war. Das "Opus arduum valde" entstand um 1389/90 in England und gelangte über verschlungene Wege nach Böhmen, von wo aus es sich über ganz Europa verbreiten konnte, wie die disparaten Handschriftenfunde in verschiedenen Archiven Europas nahelegen. Die Kollationierung dieser Manuskripte ergab eine Textgrundlage, die Luther in dieser vollständigen Gestalt nicht vorlag. Nichts desto Trotz fand Luther in seinem Textfragment einen wertvollen Zeugen in der eigenen Sache; durch die Aufnahme in den Reigen der 'Wahrheitszeugen' wurde das "Opus arduum valde" zu einem wichtigen Bezugspunkt reformatorischer Geschichtssicht, bevor es allerdings in die Vergessenheit rutschte.

Nun gelangt dieser auch schrifthermeneutisch wichtige Text ans Licht der Öffentlichkeit. Möge diese Arbeit viele interessierte Leser:innen finden.

Workshop "Umkämpfte Erinnerung" in Düsseldorf (16.-17.06.2021)

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Martin Niemöller, 1952

Ein medizinhistorischer Workshop, zu dem ich einen Beitrag leisten darf, beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Gedächtnis, Identität und Erinnerung im Hinblick auf herausragende Gestalten der Forschungsgeschichte.

Mit dem Thema "Gegenwartsdeutung und evangelische Erinnerungskultur. Ein kirchenhistorischer Zwischenruf zur Niemöller-Debatte" versuche ich mich an einer Einordnung des schwelenden Streites um eine angemessene Deutung des Lebens wie Wirkens Martin Niemöllers. Angesichts diverser konkurrierender, sich zum Teil strikt widersprechender biographischer Entwürfe der vergangenen Jahre und Jahrzehnte verwundert das Schweigen der Kirchenhistoriker:innen in Anbetracht der unbestrittenen kirchenpolitischen Bedeutung Niemöllers sehr. Der Umgang der Landeskirchen, vor allem der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), schwankt zwischen Verehrung und Kritik. Das bezeichnete Bemühen, "...Martin Niemöller nicht als einen Heiligen zu zeigen", wird nahezu topisch wiederholt, wenngleich die Methodik der Betrachtung Niemöllers regelmäßig an hagiographische Zusammenhänge erinnert. Mit der Biographie Benjamin Ziemanns ("Martin Niemöller. Ein Leben in Opposition", München 2019) entbrannte die Diskussion neu und gewaltig. Es zeigt sich erneut, dass die schwierigen Konstellationen von Lebensentwürfen im Kontext der Kirchengeschichte der NS-Zeit wie deren Umfeld noch immer nicht rückhaltlos unbefangen diskutierbar sind. Die Rolle Niemöllers in der Auseinandersetzung mit der Kirchenpolitik des NS-Regimes wurde durch Ziemanns Beitrag neu und anders beleuchtet als bisher. Die Neufokussierung von Forschungsthemen ist Normalität im Forschungsalltag. Die Emotionalität der Reaktionen auf die Neukalibrierung der Niemöller-Deutung aber sorgt für Erstaunen. Es ist nicht allein so, dass "Der Name Martin Niemöller...langsam aus dem kollektiven Gedächtnis" verschwände, wie Michael Karg als Vorsitzender der Martin-Niemöller-Stiftung feststellt, sondern dass die Kirchen sich auf einen Bedeutungswandel im Niemöller-Bild einstellen müssen, der noch lange nicht an seinem Ende angekommen ist. Ziemanns zugegebenermaßen oft überspitzte Zeichnung Niemöllers stößt einen wichtigen Punkt in der kirchengeschichtlichen Theorie-Arbeit an: die Frage nach der Glaubwürdigkeit des autobiographischen Gedächtnisses angesichts der in Niemöllers Fall diversen biographischen Umstellungen. Eine nicht zu unterschätzende Rolle dabei spielt Martin Niemöllers Bruder, Wilhelm Niemöller, der den Begriff 'Kirchenkampf' nachhaltig prägte und der je situativen Diskurs-Dynamik zwischen den Vertretern der Pastorenschaft einer sich als 'Bekennende Kirche' verstehenden Gemeinschaft und jener der 'Deutschen Christen' einen grundlegend agonalen Charakter verlieh - unabhängig von den eigentlichen Geschehnissen. Neben Anfragen an die bisherige Quellenarbeit im Kontext von Niemöllers Biographie steht eben auch eine begriffsgeschichtliche Anfrage: Ist 'Kirchenkampf' eine passende Umschreibung der Ereignisse? Die Voraussetzung zur Entstehung dieses Begriffes im Kontext einer sich im Reset befindlichen Gedächtniskultur der direkten Nachkriegszeit, der vor allem die zeithistorischen Forschungen der 1960er und 1970er Jahre zunehmend auf die Schliche kamen, sind mehr als problematisch. Beide Anfragen sind im Kern miteinander verwoben, sodass eine Neudeutung Niemöllers aus kirchenhistorischer Sicht ein durchaus lohnender Vorgang ist; zumal, wenn sich kirchengeschichtliche Forschung im Sinne des Mediävisten Johannes Fried als gedächtniskritische Disziplin verstehen möchte.

workshop Umkämpfte Erinnerung Programm

Tagung des Arbeitskreises für musikalische Bibelauslegung 2022 in Mainz!

Dass Theologie und Musik, Frömmigkeitsgeschichte und Klang tiefgehende Interferenzen aufbieten, die in ihrem historischen Erkenntnisgewinn noch immer unterbelichtet sind, ist ein bekanntes Phänomen in der theologischen Forschung. Der 2020 in Marburg von Alexandra Grund-Wittenberg (Marburg, Altes Testament) und Stefan Michels (Mainz, Kirchengeschichte) gegründete interdisziplinäre "Arbeitskreis zur musikalischen Bibelauslegung (AMB)" hat sich zum mittelfristigen Ziel gesetzt, im interdisziplinären Austausch, etwa mit den Musikwissenschaften oder der Judaistik, Prozesse der intertextuellen bzw. intermedialen Aneignung des Bibeltextes vornehmlich im Verlauf des 18. Jahrhunderts aufzudecken und zu decodieren. Die für März 2022 anstehende Arbeitstagung des AMB, die in Mainz stattfinden wird, soll sich mit dem Thema

"Singen gegen die Angst. Zur Theologie des Singens in krisenhaften Zeiten" 

beschäftigen.

Vom 22.03. - 24.03.2022 trifft sich die Forscher*innengruppe in den Räumen der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Mainz und freut sich über reges Interesse v.a. von Studierenden und Nachwuchsforschenden. Ein Programm wird zu entsprechender Zeit gepostet.

Proseminar im Sommersemester 2021

Franz von Assisi

Giotto, Die Stigmatisation des Hl. Franziskus, Fresko vor 1337

Franziskus, der Poverello von Assisi, gehört zu den wohl bekannteren Gestalten der mittelalterlichen Christentumsgeschichte. Zugleich ist die Historizität mancher Ereignisse im Leben des Franz des Öfteren mit Recht infrage gestellt worden. Und doch fasziniert er als Figur - und das über Konfessions- und z.T. auch Religionsgrenzen hinaus. Was genau es ist, was fasziniert, ist je nach Fasziniertem unterschiedlich. Viele Themen, die Franziskus beschäftigten und seine Lebenswahl bestimmten, prägen Diskurse, die bis heute nichts an Aktualität verloren haben. Da ist natürlich prominent die ökologische Krise unserer Tage, die einem einfallen kann. Da ist aber auch der Umgang mit Armut und Reichtum, mit Verteilungsgerechtigkeit und caritas, der allein durch das Leben des Franziskus aufs Tableau der wesentlichen Gedanken kommt. Da ist die Frage nach dem Umgang mit Vorbildern, die vielleicht prächtig und beeindruckend wirken, aber einer kritischen historischen Überprüfung stellenweise kaum standhalten. Unabhängig von den vielen Fragen, die Franziskus z.B. mit seinem strikten Armutsideal dauerhaft etabliert hatte, stellt die Arbeit mit und an Franziskus ein lohnendes Studienobjekt für ein christentumshistorisches Proseminar dar. Als Lerngruppe versuchen wir, dem Poverello von Assisi und seinen vielen Mysterien, Mythen und Monumentalisierungen auf die Spur zu kommen und fragen uns zugleich, welche Funktion sie haben. Warum kam man auf die Idee, Franziskus derartig breit an- und auszuleuchten? Und: welcher historische wie auch theologische Gehalt ist hier auszumachen? Es wird eine spannende Reise in eine sich mehr und mehr dem spätmodernen Denken verfremdende Zeit, die aber nichts von ihrer Faszination wie wissenschaftlichen Dignität eingebüßt hat.

 

Meet the Author: Volker Leppin zu Gast im Proseminar

Volker Leppin | evangelisch.de
Volker Leppin, derzeit Tübingen bald Yale

Am 10.06.2021 ab 14.15 Uhr wird Volker Leppin sein Buch zu Franziskus von Assisi im Proseminar vorstellen. Sein Werk, das 2018 im THEISS-Verlag erschien, hat sowohl internationalen als auch interkonfessionellen Zuspruch gefunden und ihn zu zahlreichen Buchvorstellungen veranlasst. Wer gerne den Autor eines der bekannteren Franziskus-Darstellungen unserer Zeit kennen lernen möchte, kann auf Anfrage einen Zugangslink zu unserer Seminarsitzung bei mir per Mail erhalten.

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